Fit für die Grenzkontrolle der Zukunft

Das internationale Reiseaufkommen wächst stetig, gleichzeitig steigern Terrorismus und organisierte Kriminalität die Erwartungen von Öffentlichkeit und Politik an die Qualität der Kontrollen an den Schengen-Außengrenzen. IT-Systeme können helfen, trotz umfangreicher regulatorischer Vorgaben, die Länge der Wartezeiten an den Grenzkontrollpunkten im Rahmen zu halten. Die Komplexität der IT-Systeme muss für die Beamten jedoch überschaubar bleiben, damit deren Unterstützung sich vorteilhaft auswirken kann. Ein wichtiger Schritt nach vorn ist hierbei die Integrierte Grenzkontrollanwendung (IGA) 2.0, die bereits an über 2.000 deutschen Grenzkontrollschaltern im Einsatz ist. Sie führt bisher getrennte IT-Systeme zusammen und liefert damit einen echten Effizienzgewinn.

Für Angehörige des Schengen-Raums ist das Überqueren der EU-Außengrenzen seit dem Jahr 2014 an den passagierstarken Flughäfen in Deutschland schneller und einfacher geworden: Mit dem Grenzkontrollsystem EasyPASS wird der Abgleich zwischen Person und elektronischem Identitätsdokument, konkret Reisepass oder Personalausweis, automatisiert. Reisende erledigen den Grenzkontrollprozess durch das Passieren von automatisierten Grenzkontrollschleusen – den secunet easygates – quasi in Eigenregie. Dies führt zu einer deutlich schnelleren Grenzkontrolle und kürzeren Wartezeiten.

Mehr Effizienz gefragt

Die manuelle Grenzkontrolle an den stationären Grenzkontrollschaltern blieb jedoch weiterhin aufwändig – und damit zeitintensiv für Beamte wie Reisende: Bei der Personenüberprüfung mussten die Beamten mehrere nicht miteinander vernetzte Zentralregister und Fahndungsdatenbanken manuell abfragen. Namen, Geburtsdaten und Dokumentennummern wurden in jedem System – von der Visa-Datenbank VIS bis zur Fahndungsdatenbank INPOL – einzeln abgefragt. Eine derartige Anwendungsvielfalt ist nicht nur unkomfortabel, sondern birgt grundsätzlich auch potenzielle Fehlerquellen.

Und bei aller schon bestehenden Komplexität sind weitere Anforderungen an die stationäre Grenzkontrolle bereits in Sichtweite: Bis 2022 wird – so der Beschluss des EU-Parlaments – in allen Mitgliedsstaaten das gemeinschaftliche biometrische Entry-/Exit-System (EES) der EU implementiert: Damit entfällt das bisherige Stempelverfahren für Reisende aus Drittstaaten und wird durch einen elektronischen Registereintrag ersetzt. Dazu werden die Reisenden direkt an der Schengen-Außengrenze mit vier Fingerabdrücken und einem Gesichtsbild digital erfasst. So kann später beispielsweise automatisiert kontrolliert werden, ob ein Reisender die Maximaldauer eines sogenannten Kurzaufenthaltes (90 Tage innerhalb von 180 Tagen) überschritten hat.

Biometrie verpflichtend ab 2022

Mit der Einführung des Entry-/Exit-Systems müssen die Grenzkontrollbeamten zukünftig  neben ihren originären Grenzkontrolltätigkeiten wie Dokumentenprüfung sowie Personenbefragung und -prüfung auch die biometrische Datenerfassung und -pflege gemäß der EES-Vorgaben übernehmen. Ohne unterstützende Technik und nochmals optimierte Prozesse ist eine Bewältigung dieser Zusatzaufgaben nicht möglich – zumindest nicht ohne zeitliche Ausdehnung des vorhandenen Kontrollprozesses.

Einen ersten Aufschlag für ein unterstützendes System hatte die Bundespolizei bereits mit der in Eigenregie entwickelten Integrierten Grenzkontrollanwendung (IGA) 1.0 gemacht: Schon diese Anwendung führte alle zu dem Zeitpunkt relevanten Register und Datenbanken zusammen. Doch die Lösung ließ sich nicht oder nur umständlich um weitere Grenzkontrollverfahren und Register erweitern, wie etwa das Entry-Exit-System, Datenbanken für Fluggastdatensätze (Passenger Name Records, PNR) oder andere polizeiliche Workflowsysteme wie Einsatzleitstellensysteme, Vorgangsverwaltungssysteme, Grenzkontrollakten, EasyPASS- oder Kiosksysteme.

IGA 2.0: Bindeglied zwischen verschiedenen IT-Systemen

Dies war der Startschuss für IGA 2.0. Die neue Anwendung musste gar nicht von Grund auf neu entwickelt werden. Vielmehr stand mit secunet bocoa bereits eine Lösung als Baukasten zur Verfügung mit der die Bundespolizei unter anderem im Bereich der mobilen Fahndung und in EES-Pilotprojekten zuvor bereits Erfahrungen gesammelt hatte.

IGA 2.0 befreit Grenzkontrollbeamte von zeitintensiven Routinetätigkeiten

IGA 2.0 führt die Ergebnisse der optischen und elektronischen Prüfung von Dokumenten, die Resultate der Hintergrundsysteme und die Analyse der biometrischen Daten geeignet zusammen und stellt sie für die Grenzkontrollbeamten übersichtlich dar. Durch geeignete Filterung und Visualisierung von relevanten Abweichungen oder Inkonsistenzen können die Beamten auf einen Blick den Prüfvorgang erfassen und bewerten. Bei Bedarf können sie relevante Details  genauer analysieren. Zudem müssen sie Daten nicht mehrfach, im Idealfall sogar überhaupt nicht mehr manuell eingeben. Der Kontrollvorgang wird effizienter, da die Beamten sich auf die relevanteren Ausnahmefälle konzentrieren können.

Neben den aktuell bestehenden können auch zukünftig neu hinzukommende Systeme angebunden werden: so etwa das geplante EES sowie aktuell das Passagierdatensystem PNR.

Insgesamt dient IGA 2.0 als zentrales Bindeglied zwischen bestehenden IT-Systemen und den Grenzbeamten und sorgt darüber hinaus für einen reibungslosen Informationsfluss zwischen den involvierten Bundesbehörden – dies sind die Bundespolizei, das Bundesverwaltungsamt sowie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Aktuell bewältigt die Lösung bis zu 185.000 manuelle Grenzkontrollen an deutschen Flughäfen – pro Tag.

Personal kann sich auf polizeiliche Fachaufgaben konzentrieren

Dank IGA werden Grenzkontrollbeamte von zeitintensiven Routinetätigkeiten wie der Bedienung verschiedenster dedizierter technischer Systeme und der manuellen Auswertung von Daten befreit. Gewonnene Zeit für die Erfassung von Daten kann in Plausibilitäts- und Dokumentenprüfung investiert werden. Dies führt zu einem noch höheren Sicherheitsstandard.

Bei Einführung und Rollout spielte der menschliche Faktor  eine wichtige Rolle: So evaluierte die Bundespolizei die Akzeptanz des Systems mittels interner Befragungen und Pilotierungsphasen. Deren Ergebnisse beeinflussten die weitere Planungs- und Entwicklungsarbeit. Eine zentrale Rolle spielte auch das Design einer grafischen Nutzeroberfläche, die die Grenzkontrollbeamten in ihrer Arbeit optimal unterstützt. Auch hier wurden Anforderungen und Wünsche der Anwender berücksichtigt. Ende Oktober 2019 konnte der bundesweite Rollout abgeschlossen werden; seither trägt IGA 2.0 mit dazu bei, die Kontrollen an den EU-Außengrenzen zukunftssicher und effizient zu gestalten.