Die Evolution des elektronischen Führerscheins

Wie bei anderen Identitätsdokumenten lässt sich auch beim Führerschein eine Evolution vom Papier über die Chipkarte hin zur Smartphone-Anwendung beobachten. Aufgrund seiner großen Verbreitung hat der Führerschein das Potenzial, zum meistgenutzten Mittel der elektronischen Identifizierung von Personen aufzusteigen. Können Kunden an der Supermarktkasse zum Altersnachweis künftig ihren digitalen Führerschein nutzen? Mit der „mobile Driving License“ (mDL) auf dem Smartphone werden diese und andere Anwendungsszenarien möglich. Was ist der aktuelle Stand der Dinge, und wo führt die Reise hin?

elektronischer Führerschein

Immer mehr Aufgaben unseres täglichen Lebens bewältigen wir digital und mobil. Schon jetzt verfügt ein handelsübliches Smartphone über zahlreiche Funktionen, die uns den Alltag erleichtern: Wir nutzen es, um Fahrkarten oder Eintrittskarten darauf zu speichern, mobile Zahlungen durchzuführen, Flug-Check-ins abzuwickeln, an Treueprogrammen teilzunehmen und vieles mehr. All dies ist dank vieler Applikationen möglich, die sich in Kombination mit der Smartphone-Hardware immer mehr zu unserem mobilen „ID-Wallet“ entwickeln, mit dem wir Transaktionen umsetzen, die einen Identitätsnachweis erforderlich machen.

Entscheidende Wegweiser bei der weiteren technologischen Entwicklung entlang dieses Trends sind die Faktoren Benutzerfreundlichkeit und Bedienkomfort. In diesem Zusammenhang steht der gute alte Führerschein – eines der meistverbreiteten Dokumente für den Identitätsnachweis – auf einmal wieder im Zentrum der Diskussion, insbesondere da er für die mobile Nutzung bestens geeignet erscheint.

Noch vor wenigen Jahren war der Führerschein in zahlreichen Ländern lediglich ein Papierdokument. Ein Foto des Inhabers diente dabei als biometrische Verbindung zwischen Dokument und Inhaber. Auf europäischer Ebene wurde dann Anfang 2013 ein scheckkartengroßer einheitlicher Führerschein eingeführt. Jedem Mitgliedsstaat obliegt es selbst, ob er diesen Führerschein zusätzlich mit einem Chip, wie man ihn von anderen hoheitlichen Dokumenten wie dem Personalausweis oder dem Reisepass kennt, absichert oder nicht. In Deutschland wird eine reine Kartenlösung ohne integrierten Chip verwendet. Viele andere europäische Länder dagegen, z. B. die Niederlande, verwenden einen zusätzlichen RFID-Chip, um den Führerschein stärker abzusichern und auch um ihn mit zusätzlichen Funktionen auszustatten.

Internationale Normen

Beim elektronischen Führerschein handelt es sich um ein offenes System mit zahlreichen Stakeholdern. Dazu gehören Chip-Produzenten, Systemintegratoren, die Herausgeber sowie die Institutionen, die den Führerschein zum Zweck der Identitätsfeststellung auslesen, z. B. die Polizei. Damit das gesamte Ökosystem „elektronischer Führerschein“ reibungslos funktioniert, müssen die einzelnen Schnittstellen – angefangen vom Format des Führerscheins bis hin zur Datenstruktur auf dem Chip – standardisiert werden. Dazu erstellt die International Organization for Standardization (ISO) verbindliche Normen, die die länder- und anwendungsübergreifende Verwendung des (elektronischen) Führerscheins erst ermöglichen. Die entsprechende Normenreihe, an deren Erstellung und Pflege zahlreiche Unternehmen beteiligt sind, ist die ISO/IEC 18013. Neben den physischen Eigenschaften des Führerscheins werden in dieser Normenreihe auch die Sicherheitsprotokolle beschrieben, die auf dem Chip verwendet werden. Diese orientieren sich mittlerweile an den Protokollen, die in der Technischen Richtlinie des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) TR-03110 definiert werden und auch im Kontext hoheitlicher Dokumente im Einsatz sind.

Der jüngste Teil dieses Standards geht noch einen Schritt weiter und beschreibt einen mobilen, digitalen Führerschein, der vom eigentlichen Kartenkörper losgelöst auf einem Smartphone gespeichert ist. Auf diese Weise kann das Smartphone in Kombination mit einer App, die die Daten und Sicherheitsprotokolle enthält, als Ersatz für das eigentliche physische Dokument verwendet werden. In der Praxis ist dies über zwei Wege möglich: Entweder werden die Daten direkt von einer staatlichen Instanz auf das Smartphone gespeichert, oder sie werden aus dem Chip eines physischen Dokuments auf das Smartphone geladen. Im letzteren Fall, der sogenannten abgeleiteten Identität, besitzt der Führerscheininhaber immer noch ein physisches Dokument, das er parallel nutzen kann, z. B. wenn das Smartphone oder eine entsprechende Lesemöglichkeit dafür nicht zur Verfügung steht.

Digitale, mobile Führerscheine in der Praxis

In der Republik Kosovo wird der mobile Führerschein schon bald in der Praxis eingesetzt. Bei einer Führerscheinkontrolle können Autofahrer dort künftig einfach ihr Smartphone vorzeigen. Zu diesem Zweck öffnen sie eine App, und die Verkehrspolizei kann die Daten anschließend elektronisch auslesen und überprüfen.

Auch in einigen Bundesstaaten der USA wurden bereits erste Pilotprojekte initiiert, um die technische Realisierbarkeit eines digitalen Führerscheins zu analysieren. Dabei ging man davon aus, dass die virtuellen Exemplare einige Eigenschaften eines physischen Führerscheins beibehalten sollten, z. B. die Anzeige der persönlichen Daten des Inhabers wie Name, Anschrift und Geburtsdatum sowie sein Foto. Dazu werden unterschiedliche Technologien in Betracht gezogen, Sicherheit und Usability sind auch hier die Schlüsselfaktoren. Anders als in den meisten europäischen Staaten wird in den USA der Führerschein auch oft als primäres ID-Dokument genutzt, da es dort keine Personalausweise gibt. Somit ist die digitale Version des Führerscheins dort besonders interessant für die Bürger.

Aber benötigen wir in der nahen Zukunft überhaupt noch Führerscheine? Werden wir nicht alle nur noch in autonom fahrenden Autos chauffiert? Dies wird nach Meinung vieler Experten noch ein langer Weg sein, und bis dahin werden wir Menschen immer noch als letzte Instanz eingreifen können bzw. müssen, um das Auto zu steuern. Führerscheine werden somit auch in den nächsten Jahren immer noch benötigt.

Ganz neue Anwendungsfälle

Nun erreicht also auch der Führerschein das digitale Zeitalter, was seinem Inhaber nicht nur mehr Komfort und Sicherheit bringt, sondern auch neue Funktionen. Gerade der Einsatz des Smartphones bietet neue Möglichkeiten über die Personenkontrolle im Straßenverkehr hinaus: So wird der Führerschein auch für die Privatwirtschaft interessant, wie etwa für die datensparsame Altersverifikation beim Kauf von Alkohol im Supermarkt. Darüber hinaus ist der mobile Führerschein bereits so konzipiert, dass potenziell auch weitere Daten darauf gespeichert werden können – für ganz neue Anwendungsfälle, an die heute noch niemand denkt.